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Archiv vom November 2011



Dienstag, 22. November 2011

Visby

Nun bin ich doch etwas von meinem Vorsatz, hier wöchentlich zu schreiben, abgekommen. Das liegt einerseits daran, dass nicht mehr besonders viel los war und andererseits daran, dass ich meine erste Nacht in einem Gefängnis hinter mir habe – doch dazu später mehr.

Während sich am Schnapszahldatum 11/11/11 überall Hochzeiten häuften nahm sich Jönköping diesen Tag als ideale Gelegenheit, das neue Theater und Kulturhaus Spira zu eröffnen. Dies geschah natürlich mit einer Feier, die für die kleine Stadt jedoch ziemlich unerwartete Ausmasse annahm. Mit 2000-köpfigem Chor, Konzert auf dem Dach, Licht- und Feuershow, Helikopter und Booten auf dem Wasser wurde das sehr stilvolle Gebäude noch stilvoller eingeweiht.

Die letzte Woche war relativ gemütlich und ich konnte von etwas profitieren, das in der Schweiz nie und nimmer möglich wäre. Hier haben Studenten ein Anrecht darauf, ihre Prüfungen (egal ob genügend oder ungenügend) nicht nur einzusehen sondern gleich zurück zu erhalten. Wenn man dann beim Durchschauen noch auf einen Korrekturfehler stösst, wird das ganze dazu unkompliziert angesehen und korrigiert. Falls die Aktion noch gerade die Differenz zwischen zwei Noten ausmacht, ist das natürlich umso besser. :) Eine höhere Note nachdem die Prüfung schon geschrieben wurde – das hatte ich seit dem Gymnasium nicht mehr. Warum gibts in der Schweiz eigentlich so eine Prüfungen-sind-streng-geheim-Politik?

Am Wochenende haben wir zu fünft dann nochmals das noch akzeptable Reisewetter ausgenutzt (wir erleben praktischerweise gerade einen überdurchschnittlich warmen Herbst) und uns auf den Weg in den Osten gemacht. Mit Zug und Bus gings erst an die Küste und von dort mit einer Fähre nach Gotland. Nach der dreistündigen, sehr luxoriösen Überfahrt kamen wir auf Schwedens grösster Insel an und machten uns auf den Weg in unser Hostel. Und hier folgt nun die vielleicht etwas langweilige aber doch sehr coole Auflösung meiner Einleitung: Die Herberge war in einem alten Gefängnis untergebracht, was doch eine sehr stilvolle Art zu übernachten ist. :) Den Samstag verbrachten wir in der kleinen Stadt Visby mit ihrem wunderschönen mittelalterlichen Stadtkern inkl. Stadtmauern und genügend Ruinen. Mit etwas Seeluft und einem sehr unterhaltsamen Abendessen liessen wir den gelungenen Tag ausklingen. Am Sonntag ging es mit der gerade noch erwischten Fähre dann wieder in Richtung Festland, wo wir bei einem kurzen Abstecher in Stockholm einen (sehr) kleinen Weihnachtsmarkt besuchten und uns am thailändischen Buffet verwöhnten. Mit dem Bus ging es dann wieder zurück nach Jönköping und das gelungene Wochenende war leider bereits wieder zu Ende.

Donnerstag, 10. November 2011

Julmust

Der Aufwand für meine neue Vorlesung nähert sich immer noch asymptotisch an Null an und Schweden steuert langsam auf den Winter zu. Nachdem IKEA bereits Mitte Oktober die Weihnachtsprodukte hervorgenommen hat, starten nun auch die Supermärkte damit. Und natürlich hängt auch die Weihnachtsbeleuchtung in der Stadt schon. Man kann wohl nie früh genug mit Vorbereitungen anfangen – besonders nicht hier. Mit der Vorweihnachtsstimmung kommt auch der “Julmust” – ein colaähnliches, extrem süsses Getränk, das beim ersten Schluck fürchterlich schmeckt, ab dem Zweiten aber eigentlich gar nicht so schlecht ist. :D

In den letzten Tagen habe ich mich auch mit Kerzen eingedeckt, um mir etwas schwedentypische Gemütlichkeit in mein Zimmer zu holen. Die Temperaturen sind zwar noch angenehm, aber immerhin ist es nun bereits um halb fünf dunkel. Ausserdem war in der letzten Zeit die Sonne nicht wirklich zu sehen und da mich ewiges Dunkelgrau in einem ganztagigen Nicht-Wach-Zustand versetzt, war meine Motivation, etwas zu unternehmen, nicht besonders gross. So war letzte Woche bis auf eine (sehr bescheidene) “Piraten-Party” nicht wirklich viel los.

Gestern wurde dann wieder einmal vorgeführt, wie enorm international unsere Schule eigentlich ist. Am International Day präsentierten die verschiedensten Nationen ihre Spezialitäten, wobei unsere Schweizer Delegation mit Käsefondue und Schokolade am Start war. :) Und nach einer Runde an allen Tischen vorbei war man dann auch erst einmal satt. Das Ganze endete mit einer Show mit einigen Musik- und Tanzeinlagen am Abend, welche fliessend in den allmittwochlichen Akademien-Ausgang überging.

Ansonsten habe ich nun angefangen, schwedisches Radio und Fernsehen zu verfolgen und gaaanz langsam funktionierts auch mit etwas Verstehen. Auch wenn es noch nicht wirklich reicht, die Lebensgeschichte eines älteren, betrunkenen und nuschelnden Herren im Bus völlig nachzuvollziehen. ;)

Mittwoch, 2. November 2011

Suomi

Erste Vorlesung Mikroökonomie, eine Übungsaufgabe: “Berechnen Sie mit ihrem Nachbarn, ob sich unter diesen Bedingungen eine Reise nach London lohnen würde.” Für die Dame im Beispiel nicht aber – hm – für meine Kollegin Sarah und mich eigentlich schon. So entstehen spontane Ideen, womit man die überraschend frei gewordenen nächsten fünf Tage verbringen könnte. :) Während der Rest im Hörsaal Grundlagen von Grundlagen repetierte, durchsuchten wir also das Internet, ob unsere Spontanaktion umsetzbar ist. Leider mussten wir feststellen, dass in London jedes einigermassen erschwingliche Bett bereits hoffnungslos ausgebucht war. Davon liessen wir uns von unserer erweckten Reiselust natürlich nicht abbringen und machten uns auf die Suche nach Alternativen. Das Resultat dieser Suche war, dass wir uns ca. 18 Stunden später in einem Flugzeug nach Finnland wiederfanden. :)

Bald setzten wir in Tampere unsere Füsse auf finnischen Boden und machten uns auf die Suche nach unserem Hostel. Skandinavische Hostels scheinen allgemein für einen gewissen Wow-Effekt zu sorgen, doch diese sehr stilvolle Unterkunft darf ich glaube ich mit gutem Gewissen auf Platz 1 meines persönlichen Hostelrankings setzen. Am Abend trafen wir eine finnische Bekannte von Sarah und gingen zusammen etwas essen. Aufgrund der Spontanität unserer Trips hatten wir natürlich nicht wirklich Zeit, uns über die Stadt zu informieren, so dass wir am nächsten Tag auf gut Glück auf Entdeckungstour gingen. Da die zwischen zwei Seen gelegene Arbeiterstadt aber recht überschaubar ist, war dies kein grosses Problem. Gegen Abend machten wir uns mit dem Zug auf in Richtung Hauptstadt. Auf der zweistündigen Fahrt durften wir uns vom Kondukteur erklären lassen, dass die finnische Bahn ausschliesslich finnische Studentenausweise für Studentenbillette akzeptiert. Na danke schön. Dazu schien es dem älteren Herrn noch Freude zu bereiten, unseren Ticketpreis zu verdoppeln und selbstverstädlich einen Zuschlag dafür zu kassieren.

In Helsinki machten wir uns dann wieder auf die Suche nach unserem Hostel, welches sich im ehemaligen Olympiastadion befand. Da die Stadt an der Küste liegt, wo zum Teil auch schwedisch gesprochen wird, sind die meisten Dinge zweisprachig angeschrieben. Wir waren wohl noch nie so froh, auf schwedische Wörter zu stossen, wie beim Frühstückseinkauf am nächsten Morgen. :D Wir gingen wieder auf Entdeckungstour durch die erstaunlich kompakte Hauptstadt. Nach den wichtigsten Plätzen, einem Bootsausflug auf die Festungsinsel und etwas zeitgenössischer Kunst genossen wir bereits unseren letzten Abend im Schwedischen Nachbarsland. Am frühen Morgen gings von Helsinki wieder zurück in unsere aktuelle Heimat.

Am Abend machte ich mich noch auf in die Studentenunterkunft in einem anderen Teil der Stadt, wo wir uns mit selbstgemachter Pizza verwöhnten. Nach einem gemütlichen Sonntag mit abendlichem Pokerturnier war diese zweite Fast-Ferienwoche dann auch vorbei und nun steht wieder etwas studieren an. Da sich die Mikroökonomievorlesung allerdings immernoch auf – für mich – Gymnasiumstoff (!) bewegt, wirds aber wohl etwas gemütlicher als letztes Quartal. :)

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